Ein Song, viele Stimmen, eine klare Botschaft: Sagenbringer holen sich prominente Unterstützung aus der Metal- und Folk-Szene und verwandeln den Ärzte-Klassiker „Schrei nach Liebe“ in ein kraftvolles Statement gegen Rassismus, Hass und rechte Hetze. Das Ergebnis ist mehr als eine weitere Coverversion – es ist ein musikalisches Zeichen für Zusammenhalt und Haltung.
Manche Songs altern einfach nicht. Leider auch deshalb, weil die gesellschaftlichen Missstände, gegen die sie sich richten, noch immer existieren oder wieder auf dem Vormarsch sind. Als Die Ärzte 1993 „Schrei nach Liebe“ veröffentlichten, war der Song eine wütende Abrechnung mit rechter Gewalt, Fremdenhass und menschenverachtender Ideologie. Mehr als drei Jahrzehnte später hat diese Botschaft erschreckend wenig an Aktualität verloren.
Genau hier setzen Sagenbringer an. Gemeinsam mit Soulbound, Mythemia, Deliver The Galaxy, Argorok, Entoria, Pinhead und Tom Seyfarth nimmt sich die Band den legendären Punk-Song vor und verpasst ihm eine ordentliche Portion Metal. Veröffentlicht wurde die Single am 2. Oktober 2026 über NoCut Music und hat seitdem zu vielfachen Reaktionen in der Community gesorgt. Leider nicht nur positive und bejahende.
Wer jetzt aber eine uninspirierte Kopie mit härteren Gitarren erwartet hat, unterschätzt Sagenbringer gewaltig. Statt das Original einfach nur mit mehr verzerrten Gitarren aufzupolieren, übertragen die Musiker dessen rebellische Energie in ihre eigene Klangwelt.
Druckvolle Gitarren, treibende Rhythmen und die für Sagenbringer charakteristischen epischen Folk-Metal-Elemente geben dem Stück zwar ein neues Gesicht, dabei bleibt aber der Wiedererkennungswert des Originals erhalten. Die unverwechselbare Punk-Attitüde trifft auf metallische Wucht, ohne dass die eigentliche Aussage von musikalischem Bombast erschlagen wird.

Was hier für mich besonders reizvoll ist, ist das Zusammenspiel der unterschiedlichen Gaststimmen. Hier treffen verschiedene musikalische Charaktere aufeinander, die dem Stück zusätzliche Dynamik verleihen. Mal rau, mal melodisch, mal mit ordentlich Nachdruck – eine beeindruckende Vielfalt, die hervorragend zu diesem Song passt, dessen Botschaft gerade davon lebt, dass möglichst viele Menschen sie gemeinsam nach außen tragen. (‘We are the Children’ – USA for Africa läßt grüßen).
Natürlich hätte man die Nummer stellenweise noch kompromissloser und härter gestalten können, ähnlich wie die grandiose Version von Callejon (2013). Trotzdem: die Bedeutung des Songs und seine Botschaft sind hier der wichtigere Punkt.
Die vielleicht größte Stärke dieser Version liegt allerdings nicht allein in der musikalischen Umsetzung, sondern in der Idee dahinter.
Sagenbringer hätten „Schrei nach Liebe“ problemlos im Alleingang aufnehmen können. Klar. Aber stattdessen holen sie sich befreundete Musiker und Bands ins Drachenboot und machen daraus ein Gemeinschaftsprojekt, das über Genregrenzen hinweg funktioniert.

Das ist weit mehr als eine nette Ansammlung bekannter Namen. Es zeigt, wie viel Kraft entstehen kann, wenn eine Szene zusammensteht und ihre gemeinsame Stimme erhebt.
Gerade die Metal- und Folk-Szene lebt von Gemeinschaft, Leidenschaft und Zusammengehörigkeit. Umso wichtiger ist es, diese Werte nicht nur auf Festivals oder vor der Bühne zu feiern, sondern auch dann sichtbar zu machen, wenn es um gesellschaftliche Verantwortung geht.
Denn Zusammenhalt bedeutet nicht, alles und jeden widerspruchslos zu akzeptieren. Zusammenhalt bedeutet auch, dort klare Grenzen zu ziehen, wo Menschen aufgrund ihrer Herkunft, Hautfarbe oder Identität ausgegrenzt und angegriffen werden. Frei nach dem Motto:
“Klare Kante statt bequemem Schweigen.”
Rechtsextremismus, Rassismus und menschenverachtende Hetze sind keine harmlosen Meinungen, die man aus falsch verstandener Toleranz einfach stehen lassen muss. Sie betreffen und gefährden die Würde, das Leben und die Unversehrtheit anderer Menschen an und verdienen entschiedenen Widerspruch.

Gerade im Pagan- und Folk-Metal, wo mythologische und historische Motive immer wieder – und wieder vermehrt – von rechten Gruppierungen vereinnahmt werden, ist eine solche Positionierung besonders wichtig und wertvoll. Die Szene ist selbstverständlich nicht pauschal politisch rechts einzuordnen. Ganz klar! Umso wichtiger sind Bands, die deutlich machen, dass kulturelle und historische Traditionen, harte Musik und die Begeisterung für alte Geschichte und Geschichten absolut nichts mit rassistischer Ideologie zu tun haben.
Sagenbringer setzen mit ihrer Interpretation genau hier ein Zeichen. Ohne verklausulierte Botschaften, ohne Hintertür und ohne das bescheuerte und völlig haltlose Gelaber ‘Musik muss grundsätzlich unpolitisch sein’.
Wer Menschen aufgrund ihrer Herkunft, sexueller Identität oder Hautfarbe diskriminiert, hat keinen musikalischen Wohlfühlraum und Verhätschelung verdient, sondern klaren Gegenwind und unmissverständliche Ansagen.
Natürlich ist nicht jede weitere Version eines Songs automatisch notwendig, nur weil die Botschaft stimmt. Ein Cover muss musikalisch etwas Eigenständiges mitbringen, sonst bleibt es bei gut gemeinter Wiederholung.

Sagenbringer liefern dafür aber gleich zwei überzeugende Argumente: einen eigenständigen Folk-Metal-Ansatz und ein stark besetztes Gemeinschaftsprojekt, das die Aussage des Originals auf mehrere Schultern verteilt.
Das Rad wird hier sicherlich nicht neu erfunden. Muss es aber auch nicht. Entscheidend ist, dass die Musiker den Song nicht seiner ursprünglichen Wut berauben, sondern sie mit ihren eigenen Mitteln weitertragen.


Fazit: Laut, solidarisch und genau zur richtigen Zeit. Die Mischung aus metallischer Härte, folkiger Eingängigkeit und unterschiedlichen Gesangsstimmen macht aus dem bekannten Klassiker eine eigenständige, gemeinschaftlich getragene Metal-Hymne. Dass dabei nicht jede Passage die maximale Härte ausreizt, ist angesichts des stimmigen Gesamtbildes leicht zu verschmerzen.
Viel wichtiger ist ohnehin, was hinter dieser Veröffentlichung steht: Musiker aus unterschiedlichen Bands schließen sich zusammen, um eine Botschaft zu transportieren, die 2026 eigentlich längst selbstverständlich sein sollte: Rassismus ist keine Meinung, die Respekt verdient. Hass ist keine Stärke. Und Wegsehen ist keine Alternative.
Sagenbringer und ihre Mitstreiter zeigen, dass Metal nicht nur laut sein kann, sondern auch etwas zu sagen hat. Genau solche Projekte braucht eine Szene, die für Gemeinschaft und Freiheit stehen will. Ein starkes Cover mit Herz, Druck und Rückgrat. Unbedingt reinhören – und die Botschaft ruhig ein bisschen lauter drehen!
Text: Hauke und Nola von Roxx Live Hamburg
Bandbilder: Hauke ‚Rockasmurf‘ Jans
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Single: Schrei nach Liebe
Interpret: Sagenbringer feat. Soulbound, Mythemia, Deliver The Galaxy, Argorok, Entoria, Pinhead & Tom Seyfarth
Genre: Folk Metal / Pagan Metal
Veröffentlichung: 02.10.2026
Label: NoCut Music



